Allgemein
Der Event des Jahres 2007 - New York City Marathon - Erlebnisse, Emotionen
Für uns alle wird dieser New York City Marathon, als auch der gesamte Event von der Anmeldung, über die Trainingsphase bis hin zum eigentlichen Lauf sicherlich als ein einmaliges und unvergessliches Erlebnis.
Am Ende kann man wirklich sagen: WE FINISHED WHAT WE STARTED.
Ich kann nur sagen: Dieser Marathon ist ein MUST und nur wenn man diesen anspruchsvollen Marathon ‘gefinisht’ hat, kann man nachvollziehen, warum alle so davon schwärmen. Vielleicht werde ich ihn nochmals absolvieren, aber dann mit einer entsprechenden Qualifikationszeit und da wir ja immer älter werden, ergibt sich irgendwann bestimmt die Möglichkeit.
04.11.2007 - der Tag X
Busfahrt von Manhatten nach Staten Island
Ring, Ring, der Wecker rappelte um 5 Uhr und der Tag X hatte begonnen ! Die letzten Aktivitäten, wie Trinkflaschen auffüllen, die Laufklamotten sowie die Kleidung zum Warmhalten anziehen. Dieser Ablauf war ja in diesem Jahr durch diverse Events schon in Fleisch und Blut übergegangen. Nochmals alle Utensilien überprüfen:
-
Laufuhr Gramin Forerunner 305, die so genannte Nr. 5, checken
-
Trinkgurt + Marshmellows anpacken
-
Carepaket mitnehmen
Okay, nichts vergessen und dann fuhren wir mit dem Aufzug aus dem 30. Stock in die Lobby, wo die anderen schon auf uns warteten.
Unser Reiseveranstalter war gerade dabei den ersten Bus zu füllen. Kurz bevor wir dann an der Reihe waren, fiel Klaus auf, dass ich mit meiner Plasiktüte nicht ins Fort Wadsworth gelassen werde. Ich hatte nicht die spezielle, durchsichtige NYC Marathontüte verwendet. Mist, wie gut, dass wir unsere Supporterin dabei hatten - grins - sie lief gleich los, um mir die richtige Tüte aus unserem Zimmer zu holen. Nachdem ich meine Utensilien von der einen in die original NYC Marathontüte umgeladen hatte, bestieg ich als letzter den Bus und die Fahrt zur Verrazano-Narrows Bridge konnte beginnen. Wir nahmen den zweiten Bus, was den Vorteil hatte, ihn so gut wie alleine für uns zu haben. Die Fahrt dauerte ca. 1 Stunde 30 Minuten.
In unserem Bus herrschte eine eigenartige und gespannte/angespannte Stimmung. Das lag zum einen vielleicht an dem Stimmungsbild rund-um Manhatten. Ein nahezu wolkenloser Himmel und die Sonne war gerade am Aufgehen, nachdem wir den Brookly-Battery-Tunnel zwischen Manhatten und Brooklyn passiert hatten. Der schemenhafte Blick auf die Verrazano-Narrows Bridge ließ in mir sentimentale Gefühle entstehen. Die aufgehende Sonne ließ die Brückenpfeiler in einem rosa Farbton erleuchten und der Blick zurück auf Manhatten war ebenso beeindruckend wie einmalig. Wir waren alle - jede(r) für sich - in Gedanken versunken. Die Ruhe wurde nur durch den ein oder anderen Toilettengang kurz unterbrochen. Wenige Milen vor der Verrazano-Narrows Bridge kam unser Bus nur noch im Schneckentempo voran und wurde sogar von der Polizei bis zum Fort Wadsworth eskortiert. Endlich auf der Brücke angekommen, konnten wir nochmals einen tollen Blick auf Manhatten genießen. Am Ende der Brücke sahen wir auf der rechten Seite schon das Fort Wadsworth mit den farblich gekennzeichneten Startbereichen. Die so genannten Bibs. Das Treiben hielt sich noch in Grenzen und es wurde uns klar, dass wir bei den ersten dabei waren. Vor dem Eingang hatte sich bereits eine Läufer-Schlange von ca. 500 Meter Länge gebildet. Wenig später hielt unser Bus an und auch wir stellten uns am Ende der Schlange an.
Staten Island - Fort Wadsworth
Wider Erwarten ging es sehr flott voran und durch die netten Sprüche des Ordnungpersonals ‘Quickly please’ oder ‘Move on folks’ waren wir in wenigen Minuten im Fort - nur noch wenige Meter von der Startlinie entfernt. Leider mussten wir uns noch über 2 Stunden gedulden, bis wir sie überqueren durften.
Wir entschieden unser Zelt vorerst im ‘neutralen’ Bereich aufzuschlagen. Dabei wählten wir, wenn auch etwas hart, den Betonbelag und nicht den feuchten Rasen. Dafür war es ein Platz an der Sonne und bei den frischen Temperaturen war es auch gut so. Der Wettergott hatte es mal wieder gut mit uns gemeint. Stahlblauer Himmel, die Sonne scheint und kaum Wind, es waren ideale Bedingungen für einen Marathonlauf. Unvorstellbar der Gedanke es würde jetzt regnen. Noch war es kühl und wir waren froh uns warm angezogen zu haben. Die Zeitungsunterlage - meinen Dank an unsere Supporterin Bettina - diente uns als Wärmedämmung beim Ausruhen auf dem kalten Betonboden.
Wir hatten einen guten Blick auf die Verrazano-Narrows Bridge und sahen dort Busse mit weiteren Läufern sich dem Fort Wadsworth, wie an der Perlenkette gezogen, nähern. Das Camp füllte sich zunehmend und bevor die Frequenz an den 00s zunimmt, wurde es Zeit mal wieder den Weg dorthin einzuschlagen. Klaus und ich begaben uns in Richtung der mehr als 100 Dixi-Toiletten. Danach machte ich meinen ersten Rundrang durch das Camp. Im grünen Bereich lagen die LäuferInnen auf Isomatten oder in Schlafsäcken auf dem Rasen rum. Am anderen Ende des grünen Bereichs spielte eine Musikgruppe amerikanische Popmusik und es entstand ein Art Woodstock-Feeling.
Die Organisation war klasse. Es gab ausreichend zu trinken, fast an jeder Ecke Dixi-Toiletten, einige Medical-Stationen, Baggel-Stationen und Zelte in denen man sich bei Bedarf ein wenig Aufwärmen konnte. An unserem Platz wieder angekommen, gönnte ich mir eine halbe Stunde Ruhe und ließ mich dabei von der Sonnenstrahlen wärmen.
Andrea gab die noch bis zum Start verbleibende Zeit im 30 Minuten Rhythmus per Countdown bekannt. Es waren noch über 1,5 Stunden bis zum Startschuss. Jetzt war es an der Zeit die letzte Nahrung in Form von Bananen und Joghurt aufzunehmen. Dazu noch ein gutes Poland Spring Water und nach wenigen Minuten trieb es mich wieder zu den Dixi-Toiletten. Mittlerweile hatte sich das Areal um uns herum extrem gefüllt, kein Wunder bei der angekündigten Anzahl an LäuferInnen.
Andrea gab mal wieder die aktuelle Uhrzeit durch. Noch 1 Stunde bis zum Start. Okay, jetzt noch 15 Minuten Ruhe und Meditation und auf einmal kamen Kopfschmerzen auf. ‘Hoffentlich gehen die bis zum Start wieder weg’, dachte ich.
So, jetzt nur noch 45 Minuten bis zum Start und es war so langsam Zeit sich Richtung Kleiderbeutel-Abgabe zu bewegen. Erstmal aber noch eine herzliche Verabschiedung von unseren Läuferinnen Andrea und Alex. Es war leider an der Zeit sich zu trennen. Klaus, Eddy, Agi und ich gingen zu den UPS LKWs. Dort gaben wir unsere Klamotten ab und danach verabschiedeten wir uns auch von Agi. Jetzt waren es noch knapp 30 Minuten bis zum Startschuss.
Mit Alex hatten wir vereinbart uns in ihrem Startbereich (Orange Bib) zu treffen. Dies ermöglichte es uns auf der Verrazano-Narrows Bridge zu laufen. Nur unsere Alex war weit und breit nicht zu sehen. Was machen wir jetzt ? Wir blieben in diesem Startblock und suchten zum letzten Mal die Dixi-Toiletten auf. Eigentlich sollten unsere Blasen doch geleert sein. Komisch, wahrscheinlich auch ein Stück Nervosität.
Auf einmal begannen sich die LäuferInnen in den vorderen Blöcken in Richtung Start zu bewegen. Jetzt geht’s los, jetzt geht’s los….. Es ging im ‘Schneckentempo’ voran und pünktlich um 10.00 Uhr hörten wir den Startschuss, was die Meute aufheulen und applaudieren ließ. Danach ging es überraschenderweise recht flott in Richtung Bridge/Startlinie voran. Die Sonne wurde immer kräftiger und hatte mittlerweile die Luft aufgewärmt, so dass wir unsere Sweatshirts ausziehen konnten. Am Rand lagen Klamotten, volle und leere Flaschen und viele andere Dinge, die von den Läufer-/Innen weggeworfen wurden. Die Klamotten werden den Obdachlosen gegeben und man sah schon einige Helfer, die Kleidungsstücke auf entsprechende Häufchen zu sortieren.
Es waren nur noch wenige Meter bis zur Brücke und es entwickelte sich eine wahnsinnige Stimmung. Wir durchliefen das Eingangstor zum Fort und dann ging es in einer Links- kurve auf die Verrazano-Narrows Bridge zu. Die Supporter als auch die Police riefen uns ‘Good Luck’ zu und die Musik ‘New York, New York von Frank Sinatra’ rief in mir eine Gänsehaut hervor. Wir schauten uns gegenseitig in die Augen und strahlten vor Freunde. Klaus holte seine Minikamera raus und machte einige unvergessliche Bilder von uns auf der Verrazano-Narrows Bridge.
Aber wo war denn die Startlinie ? Sie sollte in wenigen Metern folgen und das Überlaufen der Mappe war zu unserer Verwunderung sehr unspektakulär. Jetzt ging es so richtig los - 42,2 km bzw. 26,2 Milen warteten auf uns. Es sollten die bisher Härtesten aber Beeindruckensten werden.
Verrazano-Narrows Bridge
Auf der Brücke mussten wir aufpassen, dass nicht durch ein Stolpern über die ausgezogenen Klamotten der Lauf bereits hier zu Ende war. Aus Euphorie nahmen wir den Anstieg nicht wahr und auf dem Scheitelpunkt der Brücke genossen wir wieder einmal einen atemberaubenden Blick auf die Skyline von Manhatten. Zugleich wurde mir aber bewusst, dass noch 26 Milen bis zum Ziel vor mir lagen. Zu Beginn hatten wir noch ein angenehmes Tempo, da wir einige Läufer vor uns in einem Art Spießrutenlauf überholen mussten. Am Ende der Brücke liefen wir noch gemeinsam in den ersten Stadtteil von New York ein.
Brooklyn
Es ging in die ellenlange 4th Street von Brooklyn. Bereits hier säumten die Zuschauer links und rechts die Straße und feuerten uns mit Applaus und Musik kräftig an. Die Sonne schien uns entgegen und es wurde mir so warm, dass ich geneigt war mein Langarm-T-Shirt unter dem eigens für den NYC-Marathon entworfenen Laufshirt auszuziehen. Aber das war ja nicht möglich und später war ich froh, dieses Langarm-Shirt noch an zu haben. Also schob ich die Ärmel hoch und zog meine neuen NYC Marathon Handschuhe aus. Ich klemmte sie zwischen Laufgurt und meinem Bauch. Viele hatten ihre Handschuhe auch ausgezogen und weg geworfen, aber das geht ja wohl gar nicht.
Die Stimmung auf der 4th Street war einfach klasse und bis Mile 5 liefen wir noch zusammen, aber danach rieß der Kontakt zu Eddy und Klaus leider ab - anscheinend bin ich den Lauf doch schneller angegangen. Es war ausgemacht: Wenn einer von uns schneller laufen möchte, dies in Ordnung geht. Nun war ich auf mich alleine gestellt und freute mich auf das erste Treffen mit Bettina bei Mile 8. Das Läuferfeld war noch dicht beisammen und man konnte bereits die ersten verzerrten Gesichter ausmachen. Zu diesem Zeitpunkt fühlte ich mich noch recht fit und der Blick auf meine Nr. 5 signalisierte mir eine akzeptable Zwischenzeit und Pace. ‘So kann es weitergehen und die 4 Stunden sind machbar’, sagte ich zu mir. Ich näherte mich Mile 8 und dort angekommen, war mir gleich klar, dass ich Bettina in dieser Menschenmenge nur schwer sehen werde. Die Zuschauer an der Lavayette Street tobten und teilweise war der Platz zwischen Laufstrecke und Zuschauer so eng, dass man an die Tour de France und die einschlägig bekannten Bergetappen erinnert wurde. Obwohl ich auf der linken Straßenseite lief und mir die Zuschauer ganz genau anschaute, konnte ich Bettina leider nicht ausmachen. ‘Schade, dann eben bei Mile 18.’, sagte ich zu mir.
Nun ging es in Richtung Queens und die Zuschauer an der Strecke wurden nur unmerklich weniger.
Queens
Ach ja, da waren auch noch jede Menge Bands an der Strecke, die uns Läufer mit unterschiedlicher Musik anfeuerten und unterstützten. Teilweise nahm ich diese nur bedingt wahr. Es waren nur noch 3 Milen bis zur Half-Time auf der Pulaski Bridge. Ein großes Gejohle brach aus - Half-Time, Half-Time wurde gefeiert und dazu konnten wir einmal mehr einen sensationellen Blick auf Manhatten genießen. Nachdem ich die Brücke hinter mir hatte, dachte ich ‘Mensch, wenn das die berühmt berüchtigte Queensborough Bridge war, dann war das aber echt harmlos’. Weit gefehlt, nach gut einer Mile sollte das ‘Ungeheuer’ dann folgen. Nach der Verrazano-Narrows Bridge war die Queensborough Bridge der nächste Highlight des NYC-Marathons.
Wir liefen auf dem Unterdeck und über uns fuhren die Autos. Daher war der Blick auf Manhatten leider nicht so beeindruckend. Man hat ihn eh nicht so richtig genießen können. Es war ein nicht enden wollender Streckenabschnitt. Die Stimmung änderte sich. Man hörte nur das Trip Trap der Läufer. Dies gepaart mit dem Hall der Brücke verstärkte den Klang der Läufermassen. Dies war zwar der einzige Streckenabschnitt ohne Zuschauer, aber es gab immer wieder mal aufmunternde Rufe von Läufern, wie ‘We love this Bridge, we love this Bridge’. An den jeweiligen Gesichtszügen konnte man aber entnehmen, dass es nicht jedem Spaß machte über die Brücke zu laufen. Man war mit sich selbst beschäftigt und der ein oder andere hatte hier bereits Probleme.
Aber wo es bergauf geht, geht es irgendwann auch wieder bergab. Und da war er endlich, der Scheitelpunkt, und von nun an ging es bergab und nach einer Linkskurve in die 1st Ave. Die Linkskurve war auf der rechten Seite mit Strohballen bestückt und dahinter standen dicht gedrängt die Zuschauer. Sie jubelten uns zu und davon getragen, sowie von der bei mir aufkommende Erinnerung an den Hamburg-Marathon mit einer ähnlichen Stimmung an den Landungsbrücken, ging es in die 1st Street. Es folgte der psychologisch schwierigste Streckenabschnitt.
Manhatten
Die 1st Ave - ich glaube sie ist 8-spurig - kerzengerade und wellig war gefüllt mit Läufern soweit mein Blick reichte. Den Anstieg würde man normalerweise nicht wahrnehmen, aber dadurch, dass man die LäuferInnen fast bis in den Himmel laufen sah, erkannte man die leichte aber stetige Steigung. Die 1st Ave wollte und wollte nicht enden - der Streckenabschnitt ist über 3 Milen lang und daher war die Unterstützung durch die Zuschauer mehr als hilfreich. Zumal sich bei mir die ersten muskulären Problem bemerkbar machten und daher freute ich mich auf das Treffen mit Bettina bei Mile 18. Diesmal klappte es, da sich Bettina einen weniger frequentierte Streckenabschnitt ausgesucht hatte. Wie damals beim Hamburg-Marathon funktionierte der Wechsel des Trinkguts einwandfrei. Bei dieser Gelegenheit wurde ich auch meine neuen ASICS NYC-Marathon-Handschuhe los. Bettina bemerkte gleich, dass ich nicht mehr sooo rund unterwegs war, ließ es sich aber nicht anmerken. Noch einen aufmunternden Klapps auf den Hintern und dann ging es weiter. Es waren nur noch wenige Meter auf der 1st Ave und die Zuschauer klatschten, applaudierten und feuerten uns weiterhin kräftig an. Es folgte zur Abwechselung mal wieder ein Brücke, die uns in die Bronx führte.
Bronx
Die Wills Avenue Bridge folgte. Da es sich um eine Stahlbrücke handelte, hatte man die Fahrspur komplett mit einem orangefarbenen Teppich abgedeckt. Hier hatte mich der innere Schweinehund das erste Mal besiegt - ich wechselte über ins Gehen. Natürlich nur um den wiederum schönen Blick von der Brücke ausgiebig genießen zu können. Mit einem herzlichen ‘Welcome to the Bronx’ wurden wir von einheimischen Musik-Bands begrüßt. Es war nur ein kurzer Streckenabschnitt durch die Bronx. Es war einer der Interessantesten. Wann geht man freiwillig in die Bronx ?! Nachdem ich die letzte Brücke ‘Madison Avenue Bridge’ - in Summe waren es fünf Brücken - gemeistert hatte, ging es direkt in die 5th Ave. - Richtung Central Park.
Zurück in Manhatten
Wieder in Manhatten angekommen, änderte ich meine Strategie. Ich entschied mich die noch verbleibenden Milen wie folgt einzuteilen: Schnelles Laufen zwischen den jeweiligen Verpflegungsstellen (von Mile zu Mile). Dann Gatorate und Wasser zuführen und danach 100 bis 150 Meter gehen und ggf. dehnen der Muskulatur. Die verbleibenden Meter bis zur nächsten Verpflegungsstelle wurde dann wieder kräftig Gas gegeben.
An Mile 23 gab es dann ein Wiedersehen mit Bettina. Ich hielt kurz an, um meine Muskulatur zu dehnen und mir von ihr einen weiteren Motivationsschub zu holen. Danach ging es im zuvor beschriebenen Rhythmus weiter. Ab und zu meldete sich der innere Schweinehund und versuchte mich negativ zu beeinflussen. Es gelang mir ihn immer wieder zu besiegen, auch wenn es mir extrem schwer gefallen ist. Ich sagte zu mir ‘Du hast dich über ein Jahr auf diesen einmaligen Event vorbereitet und hier in NY, wie auch zu Hause vor dem Fernseher, drücken sie dir die Daumen - Du darfst sie und dich nicht enttäuschen und daher quäle dich du S…. . Okay, aber es ist mein letzter Marathon - ich werde keinen mehr laufen !’
Auf der 5th Ave, die nicht viel kürzer als die 1st Ave war, standen die Zuschauer in zweier, manchmal sogar in dreier Reihen und feuerten die Läufer kräftig an. Diese Unterstützung half mir die letzten Reserven zu mobilisieren und endlich ging es in den Central Park.
Central Park
Jetzt kann es nicht mehr weit sein und du denkst du bist gleich zu Hause, aber nein es waren noch extrem harte Milen bis um Ziel. Auch hier wurden wir von den Zuschauern angefeuert. An der nächsten Verpflegungsstelle tankte ich wieder kräftig Gatorade und Wasser nach und anschließend ein kurzer Stopp vor der Medical Station, um die Muskulatur zu lockern. Gleich kam ein Mitarbeiter auf mich zu und erkundigte sich nach meinem Befinden - ‘Are you okay ?’. Ich konnte gerade noch mit ‘Yes’ antworten. Nachdem ich wieder angetrabt bin, bekam ich einen ausgiebigen Applaus von der Medical Group. Die aller letzten Reserven wurden aktiviert.
Der erste Streckenabschnitt im Central Park schien auch kein Ende zu nehmen und als ich das 25 Mile-Schild erreicht hatte, machten sich schon die ersten Endorphin-Stöße bemerkbar. Obwohl die Muskeln schon schwer waren und schmerzten, lief ich wie auf Wolke 7. Ein weiteres trugen die Zuschauer auf der 57th Street am Central Park bei. Am Columbus Square angekommen waren es nur noch wenige 100 Meter bis zum Ziel. Die Protagonisten wurden mit ohrenbetäubendem Applaus und Musik regelrecht ins Ziel gepusht. ‘Diesmal werde ich durch das Ziel rennen und nicht gehen wie in Hamburg’, sagte ich zu mir. Ich legte nochmals an Speed zu - es waren sicherlich wieder die Endorphine, die mir die zweite, dritte, oder xte Luft gaben.
Ziel
Den Zielbereich hatten wir am Vortrag schon begutachtet und daher wusste ich, dass kurz vor dem Ziel noch eine kleine Steigung kommen wird. Aber auch die machte mir nichts mehr aus, ich befand mich in einen Trance-Zustand und sah nur noch das Ziel vor meinen Augen - ein Art Tunnelblick. Es gelang mir noch das mittlere Tor zu nehmen.
Dieser Zieleinlauf war sicherlich der emotionalste und bewegenste meiner bisherigen Läuferkarriere.
Es kamen wieder unbeschreibliche Gefühle auf, die mir die ein oder andere Träne in die Augen trieben. Und diese gepaart mit dem Stolz diesen Marathon erfolgreich gefinisht zu haben.
Die erzielte Zeit war mittlerweile nicht mehr von Bedeutung, wobei ich beim Zieldurchlauf gerade noch eine Zeit von 04:20:xx Stunden erkennen konnte. Super, persönliche Bestzeit - das ist doch was ! Schneller ging es wirklich nicht mehr, da ich dem doch sehr anspruchsvollen Streckenprofil Tribut zollen musste. Es ist ein Traum in Erfüllung gegangen und ich war überglücklich. All die langen Vorbereitungsläufe und Wettkämpfe waren mit dem NYC-Marathon-Finish vergessen. Am liebsten hätte ich gerne noch einen Freudentanz absolviert, aber ich war platt und hierzu nicht mehr in der Lage.
Ich holte mir meine Belohnung, das Objekt der Begierde, die NYC-Marathon-Finisher-Medaille ab. Voller Stolz ließ ich mich dann mit der Medaille um den Hals von den Photographen ablichten. Danach schleppte ich mich noch einige Meter weiter zur letzten Verpflegungsstelle und nahm das Care-Paket in Empfang. Es gab noch eine Wärmefolie und die Bottle Gatorade aus dem Care-Paket hatte ich schnell getrunken. Anschließend ließ ich mich auf einem Stein nieder. Da saß ich nun regungslos wie ein Häufchen Elend. Ich holte mein Handy aus der Laufhose und wählte Bettina’s Nummer. Sie ging auch gleich dran und mit viel Mühe gelang es mir, ihr mein Befinden und den Standort zu beschreiben. Sie war einige Häuserblocks von mir entfernt. Daher hatten wir einen Treffpunkt außerhalb des Central Parks vereinbart, um gemeinsam ein NYC Cab ins Hotel zu nehmen.
Jetzt musste ich aber erstmal aus dem Central Park rauskommen. Dies war gar nicht so einfach mit den vielen Läufern. Eine große Menschenmenge erwartete mich vor dem Ausgang und die NYC Police war damit beschäftigt die Ausgänge für uns Läufer freizuhalten. Nachdem ich mir den Weg freigekämpft hatte, musste ich mich mal wieder am Straßenrand niederlassen, um meine Beinmuskulatur zu dehnen. Sogleich gesellte sich ein Leidensgenosse zu mir und da lagen wir auf dem Gehsteig, alle viere von uns gestreckt. Mein Körper fing an zu Zittern und das war für mich ein Zeichen weiter in Richtung Ecke Columbus Ave. zu gehen - sofern man hier noch von Gehen sprechen konnte. Dort angekommen zeichnete sich gleich ab, dass es nicht einfach werden wird ein NYC Cab zu bekommen. Denn wir waren wohl nicht die Einzigen. Ins Hotel konnte ich aber beim besten Willen nicht mehr Laufen. Zu meiner Freude tauchte Bettina nach wenigen Minuten mit einem NYC Cab auf. Ich erkundigte mich nochmals nach meiner Finisherzeit und Bettina teilte mir 04.11.59 Stunden mit. Super, klasse.
kommentieren
versenden
drucken
Hey Leidensgenosse,
sehr schöner Bericht! Es wurden mal wieder Errinerungen geweckt die beinahe eingeschlafen waren, wenn ich ehrlich bin tuen mir im Moment die Füsse ein wenig schmerzen
Interessant, Dein anfängliches ABSOLUTES NEIN, hat sich mittlerweile in ein evtl. bis vielleicht gewandelt! Ich hatte es für mich schon vor Ort nicht völlig ausschließen wollen, aber schaumermal, hat der Kaiser auch schon gesagt…
Also bis hoffentlich nicht erst den nächsten 26.2 Miles to Hell and back…
Agi
Selten so einen abwechslungsreichen Bericht über Marathon in New York gelesen. Echt toll, vielleicht gibt es da eine Vortsetzung, das wäre echtschön.